Tanzen für Deutschland in USA
"Physical Funk" zur WM in Los Angeles.
MANNHEIM Sie sind sieben Individualisten. Doch die Liebe zum Tanz sorgt dafür, dass sie zu einer eingeschworenen Gemeinschaft verschmelzen: "Physical Funk" möchten bei der Weltmeisterschaft der Hip-Hop-Tänzer am 28. Juli in Los Angeles den ersten Platz ergattern.
Dafür müssen die Profis täglich sechs bis acht Stunden ihre Choreographien trainieren - wie im militärischen Drill. Kopfzerbrechen bereitet ihnen aber, wie sie den Flug nach Übersee finanzieren sollen. Denn einen Sponsor haben "Physical Funk" immer noch nicht gefunden.
Dass die Mannheimer Tanzgruppe an der offiziellen Weltmeisterschaft "Hip Hop International" teilnehmen darf, verdankt sie ihrem Triumph bei den "German Dance Masters" Mitte Mai in Albstadt. Eine Jury wählte "Physical Funk" aus, Deutschland als bestes Hip-Hop-Tanzensemble in Amerika zu vertreten.
Ein harter Gang steht dem Septett bevor. "Kommt ein Tanzpartner nur zwei Sekunden aus dem Timing, landen alle auf dem Rücken", veranschaulicht Musikproduzent Georgee Blum. Fliegt beim Wirbeln die Mütze weg oder ein Knopf löst sich vom Kostüm, gibt es Punktabzug.
Es ist kaum verwunderlich, dass die bundesweit beste Hip-Hop-Tanzgruppe aus Mannheim kommt, denn der Rhein-Neckar-Raum gilt diesbezüglich als Hochburg. Das liegt daran, dass in den 1980-er- Jahren viele amerikanische Soldaten in Mannheim und Heidelberg stationiert waren, die diese "schwarze" Kultur mitgebracht haben.
"Physical Funk"-Tänzerin Joanna Blum beherrscht wie ihre Partner zahlreiche afroamerikanische Tanzstile: Locking, Popping, B-Boying, Krumping oder Boogaloo, eine roboterartige Technik. Pionierarbeit leisteten da Tänzer wie Suga Pop und Popin Pete, die in den Videoclips "Beat It", "Thriller" und "Smooth Criminal" von Michael Jackson mitwirkten, der diese Tänze in aller Welt populär machte.
Suga Pop ist der Mentor in Joanna Blums Masterstudium. "Jede Unterrichtsstunde bei ihm ist Gold wert", versichert die gebürtige Polin, die seit 1996 in Deutschland lebt. Doch ihr ureigenstes Tanzgefühl ist der Funk-Style. Oft fließen komödiantische Clownelemente in ihre schwerelosen Bewegungen ein. Charlie Chaplin und Buster Keaton sind hier die Vorbilder.
Joanna möchte die Leidenschaft fürs Tanzen an die nächste Generation weitergeben. Deshalb führt sie eine eigene Tanzschule namens "Jo-Dance Academy" im Mannheimer Musikpark. Das Trainieren hat sich bei Joanna geradezu verselbständigt, überall geht sie ihre Schritte durch, ob beim Frühstück oder im Aufzug. Bis die Tränen kullern, wenn die Schmerzgrenze erreicht ist.
Dass sich Joanna in einer ursprünglich reinen Männerdomäne behaupten kann, bewies sie vor zwei Jahren, als sie Justin Timberlakes Choreographen Marty Kudelka in Berlin zu einem Wettkampf herausforderte: Zwei konkurrierende Tänzer wirbeln vor einem anfeuernden Publikum, bis dem Gegner die Energie ausgeht. Doch Marty Kudelka kniff.
Solche so genannten "Street Dance Battles" sind die härteste Schule im Hip-Hop-Tanz. "Das Publikum ist sehr kritisch, kommt ein Tänzer aus dem Rhythmus, hagelt es schnell Buhrufe", erzählt Produzent Georgee Blum.
von Christian Hoffmann
(Quelle: wormser-zeitung.de)