Seit 1949 gibt es die Tanzschule Müggenburg
FALKENSEE. Es ist schon paradox: Die älteste Tanzschule Falkensees tanzt noch immer, nur nicht in Falkensee. Die Stadt hat keinen Saal zu bieten, sieht man einmal vom Sportraum der Kreismusikschule ab, wo sich die Tanzschule Müggenburg wenigstens für ihre Kindergruppe einmieten darf. Um die Kurse für Anfänger und Fortgeschrittene, den Hobby- und Turniertanz, die festlichen Abschlussbälle und schillernden Galaabende bieten zu können, geht Tanzlehrerin Sabine Müggenburg fremd: ins Volkshaus Dallgow oder die Kulturhäuser von Hennigsdorf und Ludwigsfelde.
Doch ihre Fangemeinde zieht mit. Sie rekrutiert sich ohnehin aus der ganzen Region, denn Tanzschulen nach altem Stil – geführt von ausgebildeten, staatlich geprüften Tanzlehrern, die im Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverband organisiert sind,– gibt es nicht mehr so oft am Markt, wo jeder alles anbieten darf, so sich nur ein zahlender Kunde findet.
Sabine Müggenburg (Jahrgang 59) hat den Rhythmus und das Talent zur anmutigen Bewegung mit der Muttermilch eingesogen. Schon als kleines Mädchen war sie als Turniertänzerin übers Parkett gewirbelt. Kein Wunder, Mama und Papa waren ein Tanzlehrerpaar. Und das kam so: Als der Pilot Günter Müggenburg aus amerikanischer Gefangenschaft heimkehrte und der Arbeitsmarkt für abgerüstete deutsche Piloten keine Verwendung mehr hatte, verdingte er sich als Dolmetscher und Barmixer in Spandau bei den Engländern und Amerikanern, begierig auf das Leben, das er in die karge Nachkriegszeit hinüber gerettet hatte. Der junge Mann nahm Tanzunterricht und entdeckte dabei seine große Leidenschaft. Er ließ sich zum Tanzlehrer ausbilden und gründete 1949 in Spandau in gemieteten Räumen seine eigene Tanzschule. Einige Jahre später wechselte er nach Finkenkrug und übernahm 1953, als die Chefin dieser Tanzschule heiratete, die Leitung dieses Unternehmens.
Umgeben von so viel hübschen Mädchen, die Abend für Abend mehr oder weniger geschickt Cha-Cha-Cha, Langsamen Walzer oder Foxtrott übten, war es nur eine Frage der Zeit, dass ihm die Richtige begegnete, die fürs Leben. "Die mit dem schönen Petticoat heirate ich", beschloss er eines Tages. Natürlich war es nicht nur der kapriziöse Unterrock und die Elfenfigur, die ihn an Marianne reizten, die 1954 seine Frau wurde und 1961 ebenfalls zur Tanzlehrerin avancierte.
Das Paar hatte in der Villa "Sophie" an der Max-Liebermann-Straße in Finkenkrug seine Tanzschule eingerichtet. Das Haus, in den Nachkriegstagen von der Sowjetarmee als Lazarett genutzt, war damals in einem erbärmlichen Zustand und wurde Jahre später abgerissen. Die Tanzschule Müggenburg ging auf Wanderschaft, in den Saal der PGH Maler, in die Stadthalle und vor allem über Land.
Ganze Schulklassen kamen in DDR-Zeiten zur Tanzstunde. Links die Stuhlreihe für die Herren, rechts die für die Damen – "Und nun der Slow-Fox. Bitte, meine Herren…!" Wenn Günter Müggenburg in die Hände klatschte, war das Signal zum Sturm gegeben. Gedränge um die Schönsten, Verlegenheit bei den Mauerblümchen, die beschämt zu Boden sahen, bis ihnen dann doch noch ein Tänzer zugeführt wurde. Linkisches Füßesortieren, der Blick eisern auf die Füße geheftet – bloß nicht der Partnerin auf die Füße treten!
Neben den Standard- und den Lateinamerikanischen Tänzen wurde immer auch das Neueste vermittelt, auch wenn es einige Zeit brauchte, bis es offiziell akzeptiert war. Marianne Müggenburg erinnert sich gut, wie ab und an der ABV (der abschnittsbevollmächtigte Polizist) auf dem Saal nach dem Rechten sah und sich sehr wunderte, dass man "auseinander tanzen" ließ. Boogie und Rock'n'Roll waren nicht gern gelitten und auch nicht der sanftere Lambeth-Walk, den Müggenburg kurzerhand als "Falkenseer Bummel" verkaufte. Da hatte das Auge des Gesetzes Ruh'.
Sabine Müggenburg, mit 23 Jahren einst jüngste Tanzlehrerin der DDR, übernahm 1996 das Geschäft von den Eltern. Sie führt es seitdem als Ein-Frau-Unternehmen, denn "Unterricht durch zwei ausgebildete Profis – das kann sich heute keiner leisten", sagt die temperamentvolle Dame, die showgemäßes Make up liebt. So mögen sie ihre Schüler. Obwohl – nicht alle wollen Unterricht nehmen. Viele möchten, seit der allwöchentliche Tanzabend aus dem öffentlichen Leben verschwunden ist, einfach dieses lustvolle Hobby pflegen. Manchmal erreichen die Tanzschule Müggenburg auch Anrufe wie dieser: "Wir heiraten nächste Woche und brauchen zuvor noch einen Tanzkurs. Können Sie helfen?" Dann sagt die Chefin: Hallo, wir sind eine Tanzschule, keine Zauberer.
Zauberhaftes bietet sie jedoch auch, wenn die Turniertanzriege ihre Shows präsentiert. Obwohl jede Tänzerin mehrere eigene Kostüme im Schrank hat, leiht man ab und an auch schon mal etwas beim Metropoltheater aus. Als sie zum Beispiel Barockkostüme geordert hatten, schwante ihnen, dass sich Profis und Amateure nicht nur in der Leistung unterscheiden. "Tief einatmen, reinsteigen und zuhaken, war die Devise", sagt Sabine lachend. Die Nähte hielten und in Ohnmacht ist auch niemand gefallen.
VON HILTRUD MÜLLER
Profil der Tanzschule Falkensee auf unserem Portal
(Quelle: maerkischeallgemeine.de)